kraeutersiedlung dresden gorbitz

Vom Sorgenkind zum Vorzeigeort: Wie die „Kräutersiedlung“ in Dresden-Gorbitz den Plattenbau revolutionierte

Es ist das Jahr 1998 in Dresden-Gorbitz. Wer durch die Straßen geht, sieht das typische Bild vieler ostdeutscher Großsiedlungen nach der Wende: Graue Fassaden, triste Abstandsflächen aus Beton und an den Klingelschildern immer mehr gähnende Leere. Die WBS 70 – einst der Stolz der DDR-Wohnungspolitik und der Traum Hunderttausender Familien – drohte zur sozialen Sackgasse zu werden. Die Abwanderung war massiv, das Image im Keller. Die Menschen wollten Licht, Individualität und moderne Grundrisse, keine monotonen Sechsgeschosser von der Stange.

Heute, über zwei Jahrzehnte später, steht man am exakt selben Ort und reibt sich die Augen. Wo einst graue Riegel die Sicht versperrten, blickt man auf terrassierte, farbenfrohe Wohnhäuser, üppiges Grün und großzügige Dachgärten. Die Eisenbahner-Wohnungsbaugenossenschaft Dresden (EWG) hat hier ein Experiment gewagt, das bundesweit als Paradebeispiel für gelungene Quartiersentwicklung gilt: Die Transformation der WBS 70 in die sogenannte „Kräutersiedlung“.

Wie schafft man es, das Image eines stigmatisierten Plattenbauviertels komplett zu drehen, ohne die Identität des Ortes und die bezahlbaren Mieten zu opfern? Ein Blick auf das Rezept eines städtebaulichen Meilensteins.

Die Ausgangslage: Das starre Korsett der WBS 70

Um die Leistung der Planer zu verstehen, muss man sich die Natur der WBS 70 (Wohnungsbauserie 1970) vor Augen führen. Dieser Typ war die Perfektionierung des industriellen Bauens in der DDR. Alles war auf Schnelligkeit und Masse optimiert. Die tragenden Innenwände aus massivem Beton standen in starren Abständen von 2,40 Meter oder 3,60 Meter. Außenwände waren vorgefertigte Sandwichplatten.

Dieses System war hocheffizient beim Aufbau, aber ein Albtraum für nachträgliche Veränderungen. Ein einfacher Abriss einzelner Wände kam wegen der Statik nicht infrage. Dazu kam das städtebauliche Konzept der DDR: Lange, gleichförmige Zeilen, um die schweren Turmdrehkrane auf Schienen optimal auszulasten. Genau diese Monotonie und die mangelnde Barrierefreiheit (sechs Etagen ohne Aufzug) brachen dem Viertel nach 1990 das Genick. Der Leerstand stieg in Gorbitz zeitweise auf über 20 Prozent. Einfaches „Aufhübschen“ mit bunter Fassadenfarbe reichte nicht mehr aus.

Das Konzept: „Rückbau von oben“ statt Totalabriss

Die EWG stand vor einer radikalen Entscheidung: Totalabriss oder eine völlig neue Denkschule. Man entschied sich für Letzteres. Unter dem Schlagwort des „Stadtumbaus Ost“ entwickelte die Genossenschaft gemeinsam mit Architekten ein Konzept, das die WBS 70 physisch dekonstruierte und neu zusammensetzte.

Das Kerngeheimnis der Kräutersiedlung liegt im vertikalen und horizontalen Rückbau. Die standardmäßig sechsgeschossigen WBS 70-Riegel wurden nicht komplett dem Erdboden gleichgemacht, sondern um zwei bis drei Etagen „geköpft“. Doch statt einfach nur stumpf die oberen Platten abzutragen und ein neues Flachdach aufzusetzen, gingen die Planer stufenweise vor. Sie nahmen die Betonplatten versetzt herunter.

Dadurch entstand eine völlig neue, terrassierte Gebäudestruktur. Wo vorher eine eintönige Wand in den Himmel ragte, bildeten sich plötzlich Stufen. Diese Stufen nutzte man geschickt aus: Die verbleibenden Deckenplatten der darunterliegenden Etagen wurden zu riesigen, sonnigen Dachterrassen für die neuen Obergeschosse umfunktioniert. Auf diese Weise entstanden im obersten Stockwerk hochwertige Penthouse-Wohnungen, die es im DDR-Plattenbau schlichtweg nie gegeben hatte.

Der Innenausbau: Licht in die „Zellen“ bringen

Nachdem die äußere Kubatur der Blöcke aufgelöst war, ging es an das Innenleben. Die bauzeitlichen Grundrisse der WBS 70 waren berüchtigt für ihre langen, schmalen Flure und die winzigen, fensterlosen Badezimmerzellen. Hier kam die moderne Technik zum Einsatz: Mit wassergekühlten Diamant-Betonsägen rückte man den tonnenschweren Wänden zu Leibe.

Um die Wohnungen für junge Familien und Paare attraktiv zu machen, wurden die Wände zwischen den ehemals isolierten Kleinstküchen und den Wohnzimmern durchbrochen. Abgefangen durch massive, nachträglich eingezogene Stahlträger entstanden so offene Wohn-Ess-Bereiche, die den Wohnungen ein völlig neues Raumgefühl gaben. Aus dunklen Schlauchzimmern wurden lichtdurchflutete Räume.

Ein weiterer Fokus lag auf den Sanitärbereichen. Die alten DDR-Gipskabinen wurden komplett herausgebrochen. Durch den Einsatz moderner Vorwandsysteme und Trockenbauelemente gelang es nicht nur, die Bäder zu vergrößern, sondern auch barrierearme, bodengleiche Duschen zu installieren. Gekoppelt mit dem nachträglichen Anbau von Aufzügen, die direkt an den neuen Treppenhäusern oder Außenfassaden andockten, wurden die Gebäude auf einen Schlag für alle Generationen attraktiv – vom Studierenden bis zum Rentner.

Das Umfeld: Warum der Raum zwischen den Häusern entscheidet

Eine sanierte Wohnung verliert an Wert, wenn das Umfeld eine Betonwüste bleibt. In der DDR waren die Räume zwischen den Blöcken oft reine Funktionsflächen: Wäscheplätze, Müllsammelstellen und breite Asphaltstraßen für die Feuerwehr.

Die EWG gestaltete diese Freiflächen radikal um. Die Abstandsflächen wurden entsiegelt und in eine hügelige, parkähnliche Landschaft verwandelt. Es wurden thematische Gärten angelegt, in denen namensgebend Salbei, Thymian und Rosmarin wachsen – die Geburtsstunde des Namens „Kräutersiedlung“. Die Parkplätze wurden an die Ränder des Quartiers verbannt, sodass im Inneren verkehrsberuhigte, grüne Oasen mit Spielplätzen und Sitzgelegenheiten entstanden. Die Mieter bekamen plötzlich das Gefühl, im Grünen zu wohnen, obwohl sie sich in einer der größten Plattenbausiedlungen Sachsens befanden.

Das Ergebnis: Ein Imagewandel in Zahlen und Gefühlen

Der Mut zur radikalen Transformation hat sich für die Genossenschaft und die Stadt Dresden bezahlt gemacht. Die Kräutersiedlung zeigt eindrucksvoll, was passiert, wenn man den Plattenbau nicht als städtebauliches Verbrechen, sondern als wandelbare Ressource begreift:

  • Null Prozent Leerstand: Die Wohnungen in der Kräutersiedlung sind heute heiß begehrt. Es gibt lange Wartelisten, insbesondere für die terrassierten Wohnungen.
  • Soziale Durchmischung: Während der unrenovierte Plattenbau oft zur Monostruktur neigt, leben in der Kräutersiedlung die Generationen Hand in Hand. Die älteren Mieter schätzen die Aufzüge und die Barrierefreiheit, junge Familien die grünen Innenhöfe und die offenen Grundrisse.
  • Identifikation: Die Bewohner sind stolz auf ihr Viertel. Vandalismus und Graffiti-Schmierereien, die in den 90er Jahren zum Alltag gehörten, gegen gegen Null. Die Mieter identifizieren sich mit „ihrer“ Kräutersiedlung.

Fazit: Das Lehrstück für die Zukunft des Wohnens

Die Transformation in Dresden-Gorbitz beweist, dass die WBS 70 kein architektonisches Endstadium sein muss. Der Plattenbau besitzt durch seine modulare Struktur ein enormes Potenzial zur Metamorphose. Die EWG Dresden hat gezeigt, dass man durch Teilrückbau, kreative Grundrissänderungen und eine ambitionierte Landschaftsplanung aus einem grauen Sorgenkind ein urbanes Vorzeigeprojekt machen kann.

In Zeiten von Wohnungsnot und explodierenden Neubaukosten liefert die Kräutersiedlung eine wertvolle Lehre: Die nachhaltigste Wohnung ist die, die bereits gebaut ist. Man muss nur den Mut haben, sie völlig neu zu denken.