wbs70 im wandel der zeit

Vom warmen Wasser zum seriellen Sanieren: Das Lebensgefühl in der WBS 70 im Wandel der Zeit

Wer heute an die Plattenbauten der DDR denkt, hat oft Bilder von grauem Beton, tristen Fassaden und sozialen Brennpunkten im Kopf. Doch spult man die Zeit zurück in die späten 1970er und 1980er Jahre, bot sich ein völlig anderes Bild. Die Wohnungsbauserie 1970 – kurz WBS 70 – war für die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik das Objekt der Begierde. Sie war der Hauptgewinn in einer Gesellschaft, die unter einer chronischen, lähmenden Wohnungsnot litt.

Doch das Leben in der standardisierten Massenware war ein Widerspruch in sich. Es war ein Alltag zwischen technologischem Fortschritt und architektonischer Gleichschaltung. Was genau liebten die DDR-Bürger an ihrer WBS 70 – und worüber fluchten sie hinter vorgehaltener Hand?

Der Traum vom warmen Wasser: Warum die WBS 70 heiß begehrt war

Um zu verstehen, warum die Menschen Schlange standen, um eine Zuweisung für eine Neubauwohnung zu erhalten, muss man einen Blick in die damaligen Innenstädte werfen. Altbauquartiere in Leipzig, Berlin oder Dresden waren nach Jahrzehnten der staatlich verordneten Vernachlässigung („Ruinen schaffen ohne Waffen“) in einem katastrophalen Zustand. Millionen Menschen lebten in Wohnungen mit feuchten Wänden, Einfachfenstern, durch die im Winter der Wind pfiff, und einer klassischen Ofenheizung, für die man täglich tonnenweise Braunkohlebriketts aus dem Keller in den vierten Stock schleppen musste. Das Badezimmer? Oft nur ein Plumpsklo auf halber Treppe oder eine Zinkwanne in der Küche.

In diese Lebensrealität brach die WBS 70 wie ein utopischer Luxus aus der Zukunft ein.

1. Der Komfort des „Komplett-Pakets“

Der größte Pluspunkt der WBS 70 war der unschlagbare Wohnkomfort. Wer die Wohnungstür hinter sich schloss, betrat eine Welt mit fließend warmem Wasser und einer Zentralheizung (Fernwärme). Man drehte einfach am Thermostat, und die Wohnung war warm – ohne Kohlenstaub, ohne Asche, ohne körperliche Schufterei. Ein eigenes, komplett gefliestes Badezimmer mit Badewanne und integrierter Toilette war für viele Familien ein unvorstellbarer Zivilisationssprung.

2. Licht, Luft und der eigene Balkon

Die städtebauliche Philosophie hinter den WBS 70-Siedlungen basierte auf den Prinzipien der Moderne: Licht, Luft und Sonne für die Arbeiterklasse. Die Wohnungen besaßen für damalige Verhältnisse große Fensterfronten, die die Räume hell und freundlich wirkten ließen. Nahezu jede WBS 70-Wohnung (außer den kleinsten Einraum-Modellen) verfügte über einen großzügigen Balkon. Hier wurden Blumenkästen bepflanzt, Wäsche getrocknet oder am Feierabend ein „Radeberger“ getrunken. Es war das private kleine Stück Freiheit im kollektiven Wohnungsbau.

3. Das Versprechen sozialer Gleichheit

Ein oft unterschätzter Wohlfühlfaktor war das gesellschaftliche Klima in den neuen Vierteln. Im Neubaugebiet gab es keine soziale Segregation wie heute. Da Wohnungen über die Betriebe oder den Staat nach Dringlichkeit und familiärem Bedarf (z. B. für kinderreiche Familien) vergeben wurden, lebten alle Schichten Tür an Tür. Der Universitätsprofessor wohnte neben der Verkäuferin, der Stasi-Offizier unter dem Schlosser. Dieses Umfeld wurde von vielen als solidarisch, sicher und frei von Standesdünkeln empfunden.

Die Kehrseite der Medaille: Wo die WBS 70 nervte

Trotz aller Euphorie über die Komfortsteigerung war die WBS 70 kein fehlerfreies Paradies. Je länger die Menschen in den genormten Betonquadraten lebten, desto deutlicher traten die Schwachstellen des industriellen Bauens zutage.

1. Das Leben im akustischen Glashaus

Beton ist ein hervorragender Schallleiter – eine physikalische Wahrheit, die die Bewohner der WBS 70 täglich am eigenen Leib erfuhren. Die Wände waren dünn, die Schalldämmung rudimentär. Man lebte unfreiwillig im Rhythmus der Nachbarn. Wenn der Nachbar über einem morgens um 5 Uhr das Badezimmer betrat, hörte man das Rauschen des Wassers in den Rohren, als stünde man selbst unter der Dusche. Das Weinen von Babys, Ehestreits oder das dumpfe Dröhnen des Fernsehers bei der „Aktuellen Kamera“ waren allgegenwärtige Hintergrundgeräusche des Plattenbau-Alltags.

2. Die Diktatur des rechten Winkels und die winzige Küche

Die WBS 70 war für das Kollektiv optimiert, nicht für das Individuum. Das zeigte sich besonders in der berüchtigten Küche. Mit einer Breite von oft nur knapp über zwei Metern war sie eine reine Funktionszelle. Hier war exakt Platz für die standardisierte Einbauküche „allesmit“ und den Kühlschrank. Ein gemeinsames Familienfrühstück in der Küche? Nahezu unmöglich. Stattdessen gab es die typische hölzerne Durchreichentür zum Wohnzimmer, durch die das Essen gereicht wurde. Auch das Badezimmer war so eng bemessen, dass der Einbau einer Waschmaschine oft kreative Höchstleistungen oder den Verzicht auf Bewegungsfreiheit forderte.

3. Die Tristesse der „Mondlandschaften“

Wer das Glück hatte, eine der begehrten Wohnungen in einem neu hochgezogenen Viertel wie Berlin-Marzahn oder Halle-Neustadt zu ergattern, zog oft mitten in eine Baustelle. Da der Wohnungsbau Vorrang vor der Infrastruktur hatte, lebten die Menschen jahrelang zwischen Schlamm, unfertigen Gehwegen und fehlenden Einkaufsmöglichkeiten. Es dauerte oft Jahre, bis Schulen, Kitas oder Kaufhallen fertiggestellt waren. Die riesigen, baumlosen Flächen zwischen den Blöcken wirkten im Winter trostlos und windig – was den Siedlungen im Volksmund schnell den Namen „Arbeiterschließfächer“ oder „Wohnschießschilde“ einbrachte.

Fazit: Eine Hassliebe, geprägt von Pragmatismus

Die Bürger der DDR betrachteten die WBS 70 mit einer gesunden Portion Pragmatismus. Man war sich der ästhetischen Monotonie und der baulichen Mängel wie der Hellhörigkeit durchaus bewusst und spottete in Kabaretts und Witzen über das standardisierte Leben, in dem jeder Bürger in der exakt gleichen Schrankwand („Karat“ oder „Interwand“) auf die exakt gleiche Tapete blickte.

Und dennoch überwog für die Mehrheit die Dankbarkeit. Der Gewinn an Lebensqualität durch Heizung, Bad und Helligkeit wog den Verlust an Individualität um ein Vielfaches auf. Die WBS 70 war nicht schön, aber sie war sozial gerecht, bezahlbar und warm. Sie war der steingewordene Kompromiss einer Gesellschaft, die das kollektive Glück über den individuellen Luxus stellte – ein Lebensgefühl, das eine ganze Generation im Osten Deutschlands bis heute tief geprägt hat.

Zwischen sozialistischem Luxus und Beton-Monotonie: Das emotionale Dilemma der WBS 70 in der DDR