Die Entwicklung des industriellen Wohnungsbaus in der DDR war kein statisches Phänomen, sondern ein evolutionärer Prozess. Er war getrieben von akutem Materialmangel, dem politischen Druck des 1973 beschlossenen Wohnungsbauprogramms und dem permanenten Zwang zur Rationalisierung. Um die technologische Sonderstellung der Wohnungsbauserie 70 (WBS 70) zu verstehen, muss man sie im direkten Vergleich mit ihren evolutionären Vorgängern und parallelen Bautypen betrachten.
1. Die typologische Evolution: Vom Q3 zum WBS 70
Die Standardisierung vollzog sich im Wesentlichen in vier großen Entwicklungsschritten, bei denen das Achsmaß und die Tragstruktur fortlaufend optimiert wurden.
[1950er: Blockbau] ──► [1960er: Strenges Kleingeraster] ──► [Ab 1970er: Das flexible Großraster]
Typ Q3 / QP Typ P2 (3,60 m Achsmaß) WBS 70 (3,60 m & 6,00 m Mischraster)
Die frühen Phasen: Q3 und QP (1950er/1960er Jahre)
Die Typen Q3 (Querwandbau) und QP (Querwand-Plattenbau) markieren den Übergang vom klassischen Mauerwerksbau zur Montagebauweise. Hierbei handelte es sich noch um eine Großblockbauweise – die Elemente waren verhältnismäßig klein, schwer und die Fassaden orientierten sich gestalterisch oft noch an klassischen Lochfassaden traditioneller Bauweisen.
Der radikale Bruch: Der Typ P2 (ab 1961)
Der P2 war der erste echte, konsequente Plattenbau im Großtafelverfahren und leitete die Industrialisierung ein.
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Strukturelles Merkmal: Ein starres Achsmaß von 3,60 m in beide Richtungen. Die tragenden Wände lagen innen.
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Innovation und Schwachpunkt: Der P2 ermöglichte erstmals den Einbau von innenliegenden, fensterlosen Bädern und Küchen, was den Wohnraum an den Außenwänden maximierte. Der gravierende Nachteil war jedoch die fundamentale Starrheit des 3,60-Meter-Rasters. Größere Räume ließen sich statisch kaum realisieren; die Grundrisse waren monoton und ließen keinen Spielraum für gesellschaftliche Veränderungen oder unterschiedliche Familiengrößen.
2. Das technologische Ökosystem des WBS 70
1970 von der Deutschen Bauakademie und dem VEB Wohnungsbaukombinat Neubrandenburg entwickelt, wurde der WBS 70 ab 1973 zum unangefochtenen Standardtyp erhoben. Bis 1990 wurden rund 1,3 Millionen Wohneinheiten in dieser Serie errichtet. Seine Überlegenheit basierte auf drei wesentlichen Kernaspekten:
A. Das gemischte Achsraster (3,60 m / 6,00 m)
Der entscheidende evolutionäre Sprung des WBS 70 war die Einführung des 6,00-Meter-Achsmaßes in Kombination mit dem bewährten 3,60-Meter-Raster.
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Architektonischer Gewinn: Durch die große Spannweite von 6,00 m konnten Wohnzimmer mit bis zu 24 Quadratmetern realisiert werden, ohne dass störende tragende Zwischenwände den Raum zerschnitten.
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Grundriss-Varianz: Auf Basis desselben Baukastensystems ließen sich plötzlich Einraumwohnungen für Singles ebenso effizient realisieren wie Fünfraumwohnungen für Großfamilien. Die Wohnungsgrundrisse wurden innerhalb des Blocks spiegelbar und hochgradig variabel.
B. Optimierung von Gewicht und Material
Während der P2 noch enorme Massen an Beton verschlang, wurde der WBS 70 materialtheoretisch optimiert:
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Die inneren tragenden Querwände wurden auf 14 cm Dicke reduziert.
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Die Deckenplatten wurden als großformatige, raumgroße Elemente (vollflächig aufliegend) gefertigt, was den Schalungs- und Verputzaufwand auf der Baustelle auf nahezu null senkte.
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Der Vorfertigungsgrad stieg auf über 85 Prozent. Sanitäre Anlagen wurden als fertige „Nasszellen“ inklusive aller Rohre, Fliesen und Armaturen per Kran direkt in den Rohbau gehoben.
C. Die Fassadenflexibilität
Im Gegensatz zu den älteren Typen war die dreischichtige Außenwandkonstruktion des WBS 70 (12 cm Tragschicht, 5 cm Polystyrol-Dämmung, 6 cm Wetterschale) statisch komplett entlastet. Dies erlaubte es den regionalen Wohnungsbaukombinaten (WBK), die Fassaden optisch zu variieren. Durch unterschiedliche Oberflächenstrukturen (Splitt-, Fliesen- oder Waschbetonstrukturen) sowie den flexiblen Einsatz von Loggien und Balkonen wurde versucht, der visuellen Monotonie der Großsiedlungen entgegenzuwirken.
3. Parallele Bautypen im direkten Vergleich
Neben dem WBS 70 existierten spezialisierte Typen für besondere städtebauliche Anforderungen:
| Bautyp | Primärer Einsatzzweck | Konstruktives Merkmal | Vorteil | Nachteil im Vergleich zu WBS 70 |
| WBS 70 | Universeller Wohnungsbau (Masse) | Querwandbau (3,60 / 6,00 m) | Höchste Wirtschaftlichkeit, variable Grundrisse | Geringe Eignung für extreme Höhen (über 11 Etagen) |
| P2 | Früher Massenwohnungsbau | Starres 3,60-m-Raster | Pionier des industriellen Bauens | Extrem monotone, kleine Räume; statisch unflexibel |
| WHH GT 18 | Dominante Stadtpunkte (Hochhäuser) | Gleitbauverfahren / Großtafel | Enorme Dichte auf kleiner Grundfläche (bis 18 Etagen) | Extrem material- und kostenintensiv in der Montage |
| PH 12 | Punkt- und Eckbebauung | Skelett- / Tafelbauweise | Hohe städtebauliche Flexibilität (Eckschließung) | Aufwendige Knotenpunkte, langsame Montagezeit |
4. Das zukunftsfähige Erbe: Warum der WBS 70 heute gewinnt
In der heutigen Bauphysik und Immobilienwirtschaft zeigt sich, dass der WBS 70 aufgrund seiner spezifischen Konstruktion deutlich sanierungsfreundlicher ist als westdeutsche Großgroßprojekte der 1970er Jahre oder ältere DDR-Typen.
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│ Vorteile des WBS 70 bei der │
│ modernen Sanierung │
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│ Statisch freie Außenhaut │ │ Typenreinheit für BIM │
│ Neue Dämmfassaden können │ │ Millimetergenaue Vorferti- │
│ ohne statische Eingriffe │ │ gung von Holz-Sandwich- │
│ vorgehängt werden. │ │ elementen im Werk. │
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Weil beim WBS 70 die tragende Struktur strikt von der raumabschließenden Außenhaut getrennt ist, lässt sich das Gebäude im Zuge des seriellen Sanierens hervorragend bearbeiten. Die alten, energetisch ungenügenden Beton-Außenplatten können statisch unbedenklich modifiziert, mit großflächigen, im Werk vorgefertigten Holztafelelementen überdämmt oder im Sinne des zirkulären Bauens rückgebaut und neu organisiert werden.
Während der P2 durch seine engen Wandabstände ein Sanierungs-Kompromiss bleibt, bietet das 6-Meter-Raster des WBS 70 genau jene räumliche Großzügigkeit, die auch heutigen Ansprüchen an zeitgemäßes, barrierearmes Wohnen gerecht wird.

