1. Das „Open Living“-Konzept (Wanddurchbrüche im 6m-Raster)
Die wohl häufigste Maßnahme betrifft die Trennung zwischen Küche und Wohnzimmer. Im originalen WBS-70-Grundriss war die Küche oft ein schmaler, vom Wohnzimmer isolierter Raum (Schlauchküche), der nur über den Flur erreichbar war.
- Die bauliche Maßnahme: Da die Wand zwischen Küche und Wohnzimmer beim WBS 70 oft eine nicht-tragende Trennwand oder im Falle einer tragenden Wand durch das 6-Meter-Raster mittels standardisierter Sturz-Systeme abfangbar ist, wird hier ein großzügiger Durchbruch realisiert.
- Das Ergebnis: Es entsteht eine moderne Wohnküche mit Kochinsel. Das Tageslicht aus dem Wohnzimmer flutet nun bis in den ehemaligen Küchenbereich.
2. Das „Zwei-wird-Eins“-Badkonzept (Barrierefreiheit)
Die originale WBS-70-Sanitärzelle (Typ „Plaste und Elaste“ aus dem Spritzgusswerk) war extrem eng: Ein winziges separates WC direkt neben einem ebenso kleinen Bad mit Badewanne. Für ältere Menschen oder Rollstuhlfahrer sind diese Räume absolut unnutzbar.
- Die bauliche Maßnahme: Die dünne Trennwand zwischen WC und Bad wird komplett entfernt. Bei Generalsanierungen wird oft die gesamte alte Beton-Sanitärzelle herausgefräst.
- Das Ergebnis: Es entsteht ein einziges, quadratisches und vor allem barrierefreies Komfortbad mit bodengleicher Walk-In-Dusche und Platz für eine Waschmaschine.
3. Das „Flex-Room“-Konzept bei Wohnungszusammenlegungen
In Regionen mit veränderten demografischen Strukturen (z. B. Bedarf an größeren Familienwohnungen oder umgekehrt Single-Apartments) werden WBS-70-Wohnungen horizontal oder vertikal gespiegelt zusammengelegt.
- Horizontale Zusammenlegung: Durch einen statisch geprüften Durchbruch in der tragenden Wohnungstrennwand (Querwand) werden zwei benachbarte 2-Raum-Wohnungen zu einer großzügigen 4- oder 5-Raum-Wohnung gekoppelt.
- Der Clou des WBS 70: Da Versorgungsstränge (Wasser, Abwasser, Lüftung) im WBS 70 standardisiert in vertikalen Schächten an den Küchen/Bädern liegen, kann bei einer Zusammenlegung eine der alten Küchen problemlos in ein zweites vollwertiges Master-Bad, ein En-Suite-Bad oder einen Hauswirtschaftsraum umgewandelt werden, ohne neue Rohre durch die Wohnung legen zu müssen.
Technische Herausforderungen & Lösungen beim WBS-70-Innenumbau
Obwohl die Typenreinheit standardisierte Lösungen erlaubt, müssen Architekten im Innenraum drei WBS-70-spezifische Hürden einplanen:
Die „Beton-Härte“ (B300)
DDR-Plattenbauten wurden aus hochverdichtetem B300-Beton gegossen und sind im Laufe der Jahrzehnte extrem nachgehärtet. Ein einfacher Wanddurchbruch mit dem Bohrhammer ist unmöglich.
- Die Konzept-Lösung: Es wird ausschließlich mit diamantbestückten Betonsägen und Wasserkühlung gearbeitet. Die Schnitte werden statisch exakt bemessen und die verbleibenden Öffnungen mit standardisierten Stahlzargen (U-Profilen) ausgesteift.
Der Fußbodenaufbau (Bauhöhe)
In den originalen Wohnungen liegen die Leitungen oft auf der Rohdecke, überdeckt von einer dünnen Estrichschicht oder direkt unter Linoleum. Für schwellenlose Übergänge fehlt oft die Aufbauhöhe.
- Die Konzept-Lösung: Beim seriellen Innenumbau werden moderne Trockenestrich-Systeme oder dünnschichtige Fußbodenheizungen verwendet, um die Barrierefreiheit ohne Stufen zu garantieren.
Fazit
Konzepte für den WBS-70-Innenumbau zeigen, dass die „Platte“ im Inneren extrem wandlungsfähig ist. Durch die clevere Kombination aus Diamantschnitt-Technik und der Ausnutzung der statisch freien Zonen lässt sich ein DDR-Grundriss von 1973 optisch und funktional nicht mehr von einem modernen Premium-Neubau unterscheiden.

